Der Bau-Turbo aus Sicht internationaler Wertschöpfungsketten

Der sogenannte Bau-Turbo würde darauf abzielen, Planungs- und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen. Ob und in welchem Umfang daraus tatsächlich kürzere Realisierungszeiten resultierten, hinge aus Sicht internationaler Wertschöpfungsketten jedoch weniger vom formalen Planungsrecht ab als von der Leistungsfähigkeit der vor- und nachgelagerten Produktions-, Liefer- und Nachweisstrukturen. Geschwindigkeit im Bauen entstünde nicht automatisch durch schnellere Verfahren, sondern dort, wo industrielle Vorfertigung, Logistik, Montage und Dokumentation funktional aufeinander abgestimmt seien.

Aus einer wertschöpfungskettenorientierten Perspektive ließe sich vermuten, dass internationale Beschaffungsstrategien dann beschleunigend wirken könnten, wenn sie nicht primär kostengetrieben, sondern prozess- und governanceorientiert ausgestaltet würden. Internationale Partner, etwa im Holzmodul- und Elementbau, könnten zusätzliche Produktionskapazitäten sowie eine höhere Vorfertigungstiefe bereitstellen. Dies würde theoretisch ermöglichen, Bauzeiten auf der Baustelle zu verkürzen und Abhängigkeiten von Witterung oder Fachkräftemangel zu reduzieren. Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass diese Kapazitäten kurzfristig abrufbar, skalierbar und terminlich belastbar seien. Ohne klar definierte Abruflogiken, Produktionsfenster und Redundanzkonzepte bestünde aus Sicht der Wertschöpfungskette das Risiko, dass internationale Beschaffung zwar Kostenvorteile erzeuge, aber keinen Zeitgewinn.

Ein weiterer zentraler Hebel für Beschleunigung ließe sich in der Standardisierung vermuten. Internationale Wertschöpfungsketten funktionierten erfahrungsgemäß dort am effizientesten, wo wiederholbare Modultypen, standardisierte Detailausbildungen und klar definierte Schnittstellen zu technischen Gewerken vorlägen. Je geringer der Standardisierungsgrad, desto höher erscheine der Koordinationsaufwand zwischen Planung, Werk und Baustelle. In solchen Konstellationen würden potenzielle Zeitgewinne durch zusätzlichen Abstimmungsbedarf, Variantenentscheidungen und nachträgliche Anpassungen entlang der Kette wieder aufgezehrt.

Aus internationaler Perspektive ließe sich zudem beobachten, dass Geschwindigkeit im Bauprozess häufig weniger durch die physische Herstellung begrenzt werde als durch Nachweis- und Dokumentationsanforderungen. Projekte gerieten insbesondere dort ins Stocken, wo Prüfunterlagen, Freigaben und Abnahmedokumente nicht parallel zur Planung und Produktion aufgebaut würden. Internationale Wertschöpfungsketten könnten nur dann beschleunigend wirken, wenn Nachweise als integraler Bestandteil des Produkts verstanden würden. Dazu zählten klare Verantwortlichkeiten für Prüfpfade, eine konsistente Versionierung sowie eine durchgängige Rückverfolgbarkeit von Bauteilen, Serien und Dokumenten.

Vor diesem Hintergrund ließe sich argumentieren, dass der Bau-Turbo weniger eine klassische Einkaufs- als vielmehr eine Governance-Herausforderung darstelle. Internationale Lieferketten würden nur dann zuverlässig funktionieren, wenn Schnittstellen eindeutig geregelt, Freigabepunkte klar definiert und Änderungen kontrolliert entlang der Kette gesteuert würden. Fehlten solche Governance-Mechanismen, könnten selbst kleinere Planänderungen zu Reibungsverlusten führen, die potenzielle Zeitgewinne rasch neutralisierten.

Aus Sicht internationaler Wertschöpfungsketten ließe sich ferner argumentieren, dass Engpässe im beschleunigten Bauen weniger durch eine zu geringe Anzahl potenzieller Anbieter entstünden als durch die Struktur der Nachfrageseite. Internationale Beschaffung folge nicht dem Prinzip, dass viele Unternehmen jeweils in geringem Umfang importierten. Vielmehr werde der überwiegende Teil der internationalen Beschaffung von wenigen, stark integrierten Akteuren getragen, für die Import ein fester Bestandteil ihres Geschäftsmodells sei. Diese Akteure unterschieden sich weniger durch ihre Anzahl als durch ihre funktionale Rolle innerhalb der Wertschöpfungskette, etwa als Generalunternehmer, Systemintegratoren oder projektübergreifend agierende Bestandshalter.

Solche Unternehmen verfügten typischerweise über standardisierte Produkt- und Prozesslogiken, etablierte Nachweis- und Qualitätsroutinen sowie die organisatorische Fähigkeit, internationale Lieferketten technisch und terminlich zu orchestrieren. Vor diesem Hintergrund ließe sich vermuten, dass ein Bau-Turbo ins Leere liefe, wenn er primär auf eine Ausweitung des Anbieterfeldes setze. Beschleunigung entstünde nicht dadurch, dass mehr Unternehmen theoretisch liefern könnten, sondern dadurch, dass diejenigen Akteure adressiert würden, die internationale Wertschöpfungsketten operativ beherrschten und skalieren könnten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass internationale Wertschöpfungsketten einen Beitrag zur Beschleunigung des Bauens leisten können, sofern sie auf Standardisierung, Vorfertigung, integrierte Nachweisführung und klare Governance ausgerichtet sein. Der Bau-Turbo wird aus dieser Perspektive weniger durch rechtliche Erleichterungen allein wirken, sondern dort, wo Liefer- und Produktionsketten in der Lage wären, Geschwindigkeit, Qualität und Dokumentation gleichzeitig zu liefern.

Der Beitrag wurde geschrieben  für Februar „Wissen macht Bau“ Newsletter 2026, VDI-Wissensforum https://www.vdi-wissensforum.de/wissen-macht-bau/


 


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